Im Ring: Das Ich und das Selbst

Im Yoga unterscheiden wir immer zwischen dem Ego und dem Selbst. Oft werden sie als zwei Pole angesehen, wobei das eine erstrebenswert, das andere abzulegen ist.
Das Ego ist das, was will, was anhaftet, was wünscht und sehnt und ablehnt und meidet. Es ist das, was uns treibt, zu tun, Ziele zu erreichen. Es plustert sich auf und heftet sich an alles, was es gerade vor sich sieht. Alles sieht es auf sich bezogen: Die Worte anderer, das gefühlte Leid, was passiert auf dieser Welt. Das Ego ist quasi der Nabel der Welt. Es kommt mit uns auf die Welt und geht mit uns wieder. Und weil es nicht gehen will, kommt noch diese ständige Angst vor dem Tod dazu. Gewisse Stimmen sagen: Alle Ängste lassen sich in letzter Konsequenz auf diese eine Angst zurückführen.

Das Selbst ist da viel subtiler, es liegt weit drunter und ist immer da. Es war vor uns da und bleibt, wenn wir gehen. Es ist eine unsterbliche, grenzenlose, immaterielle Entität, die allem zugrunde liegt. Es ist (meist) im Unbewussten, liegt so da. Ob es was tut, da scheiden die Geister, vielleicht wartet es auch nur darauf, entdeckt zu werden. Das Selbst wertet nicht, haftet nicht an, will nicht, meidet nicht. Es ist. Es ist unveränderlich. Heisst es. Wenn alles ändert, Krisen kommen, Dinge gehen – das Selbst bleibt. Es ist der Grundpfeiler unserer Identität.

Und so lesen und hören wir dann tagaus, tagein in Yogakreisen: Lass dein Ego los, hafte nicht an, finde dich.

Erkenne dich selbst.

Das sagten schon die alten Griechen. Die zitiert man in der Yogaszene eher weniger, aber wenn sie grad so schön passen – wieso nicht.

Von Ost nach West, in allen Zeiten: Der Mensch suchte sich selber. Und alle schrieben darüber, was das Selbst denn wirklich sei. Buddhismus, Sufismus, vedische Texte, Heidegger, Kierkegaard, Ricoeur, Jung – überall finden sich Definitionen (oder Versuche einer solchen) davon. Wir scheinen fast besessen von diesem Selbst. Stellen es auf den Sockel als erstrebenswert und seinen kleinen Cousin, das Ich, möchten wir loswerden. Damit machen wir eigentlich genau das, wovon wir uns lösen wollen: Wir haften uns an etwas. An diese Idee des allem zugrundeliegenden Selbst, das wir unbedingt erreichen wollen. Und wir wollen etwas meiden, dieses alles an sich reissende, schlimme Ego.

Ohne das Selbst gäbe es uns nicht. Es liegt in der Tat allem zugrunde, ist ein Kern tief drin, ein Wesenskern. Aber er braucht ein Sprachrohr, mit dem er in der Welt da draussen agieren kann. Da kommt ihm sein Cousin Ego zu Hilfe. Er agiert in der Welt. Ab und an ganz eigenmächtig, oft aber auch geprägt von tief drin. Ab und an rühren die Prägungen von Mustern und Erfahrungen her, ab und an sind sie Ausdruck dessen, wer und was wir sind. So wirklich. Tief. Und da haben wir den Punkt.

Was wirklich zählt, ist nicht die Hierarchie von Ich und Selbst. Was zählt ist, zu erkennen, wer wir wirklich selbst sind und entsprechend zu handeln – als Ego. Wir brauchen dieses Ego, ansonsten wären wir in der Welt nicht lebensfähig. Was wir aber wirklich nicht brauchen, ist dieses kleine trotzende Ich, das überall im Mittelpunkt stehen will, alles an sich reisst und einfach mal auf alles reagiert aufgrund von Mustern und Prägungen. Was wir suchen, ist das Ich, das Sprachrohr unserer Natur ist, das authentisch nach aussen meldet, was tief drin vorgeht. Und so bleibt:

Erkenne dich selbst.

Und handle danach.


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