Das Kranken der Welt

Der Mensch als Gegenstand von Philosophie und Einzelwissenschaften

Ein Teil von jener Kraft,
die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
[…]
So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz das Böse nennt,
mein eigentliches Element.[1]

Kriege, Massen- und Völkermorde, Bankencrashs und Wirtschaftskrisen, religiös motivierte Konflikte und blutige Revolutionen zur Errichtung einer vermeintlich besseren Welt, wie sie im zurückliegenden Jahrhundert aufgetreten sind, scheinen jene pessimistische Sicht auf den Menschen zu bestätigen, die in ihm ein Wesen sieht, das nur durch von aussen auferlegte Gesetze unter Androhung drakonischer Strafen davon abgehalten werden kann, ‚Böses’ zu tun. Was wäre dieses ‚Böse’ und wie kommt es in die Welt? Während die Religionen ‚das Böse’ personifizieren, meinten andere Erklärungssysteme seine Ursache in ‚den gesellschaftlichen Verhältnissen’, ‚verdrängten Triebstrukturen’ oder ‚persönlicher Gier’ zu finden. Zuletzt haben einige Forscher aus den Neurowissenschaften aus ihren Experimenten den Schluss gezogen, dass der Mensch eigentlich für sein Handeln gar nicht verantwortlich gemacht werden könne.

In den jüngeren Debatten um das Verständnis ‚des Bösen’ und das Verhältnis ‚des Menschen’ dazu, seine Verantwortung, spielt die Philosophie kaum eine Rolle. Dabei war es seit Jahrtausenden ihr ureigenstes Anliegen, herauszufinden, wie der Mensch in Gesellschaft seiner Artgenossen ein ‚gutes Leben’ führen könnte. Schon Sokrates ging davon aus, dass der Mensch ein moralisches Wesen sei, dem es besser täte, Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu begehen. Hannah Arendt versuchte, eine Begründung für diese moralische Forderung zu geben, indem sie sagte:

Bestimmte Dinge kann ich nicht tun, weil ich danach nicht mehr in der Lage sein würde, mit mir selbst zusammenzuleben.[2]

In den letzten Jahren und Jahrzehnten haben die Neurowissenschaften dank modernster Verfahren grosse Erfolge bei dem Versuch erzielt, Struktur und Funktionsweisen des menschlichen Gehirns zu entschlüsseln, sie mittels sogenannter bildgebender Verfahren zu veranschaulichen bzw. darzustellen und daraus weiter reichende Schlüsse zu ziehen (zumindest verkündeten sie das überall und laut). Dabei wurden in z.T. spektakulären Publikationen Wissenschaftler zitiert, die behaupteten, nun sei das Ich als Illusion entlarvt oder einen „freien Willen“ gäbe es gar nicht, denn alles sei blosse Funktion von Neuronen, basierend auf deren Konnektivität und biochemischen Vorgängen. Zwar hätte diese Illusion durchaus Sinn und Nutzen, wäre aber im eigentlichen Sinne keine Realität: Das Ich gibt es nicht, wir sind nur unser Gehirn.

Sind wir also bei der Erklärung menschlichen Verhaltens und zur Vermeidung ‚des Bösen’ auf die – mehr oder weniger gut begründete – Einsicht des einzelnen Menschen angewiesen, dass es für ihn besser sei, ‚Gutes’ statt ‚Böses’ zu tun? Könnten wir uns auf diese Entscheidung – und eine Erziehung, die das Ziel hätte, sie zu motivieren – vertrauen, wenn die Neurowissenschaften Recht hätten und es keinen freien Willen geben sollte? Liefert die kürzlich publizierte Beobachtung, dass ein Software-Fehler in den bildgebenden Verfahren der Neurowissenschaften die meisten ihrer Ergebnisse verfälscht hätte, eine ‚Lösung’ des Problems – oder nur eine ‚Verschiebung’ auf den Zeitpunkt, wenn die Software verbessert worden sein wird?

Seitens der Philosophie wurde versucht, diese (scheinbar) objektiv-naturwissenschaftlichen Sichtweisen zu kritisieren, indem den Neurowissenschaftlern Begriffsfehler aufgezeigt oder ihre Beweisführungen als insgesamt fehlgeleitet dargestellt wurden. Anstatt – wie seit den 1990er Jahren zunehmend propagiert – auf Interdisziplinarität zu setzen und so die Probleme und Fragestellungen gemeinsam anzugehen bzw. gegenseitige Missverständnisse auszuräumen, grenzte man sich voneinander ab – so weit, dass die zuvor vielleicht vorherrschende gegenseitige Ignoranz sogar zu Vermeidungsstrategien und offener Ablehnung der jeweiligen Gegenseite als „unwissenschaftlich“ oder „ahistorisch“ führte. Dabei scheint die „harte“, „faktenbasierte“ neurobiologische Forschung in der öffentlichen Wahrnehmung und Meinung die Oberhand zu gewinnen. Es werden Milliardensummen in diese Forschung (z.B. im „Human Brain Project“) investiert. Unabhängig davon werden weitere Forschungszentren gegründet, wobei in den meisten Philosophen oder Sozialwissenschaftler fehlen – es heisst sogar, auf ihre Mitwirkung werde bewusst (was immer das in diesem Kontext heissen mag) verzichtet.[3]

Diese Trennung sollte dringend in Frage gestellt werden. Zielführender wäre es, die Positionen der Philosophie und der Neurowissenschaften im Hinblick auf das Ich, die Identität der Person und deren (Selbst-) Bewusstsein zu untersuchen und in einer Synthese zusammenzuführen. Dabei könnte aufgezeigt werden, dass nur die Annäherung und Verbindung beider Positionen ein umfassendes Bild der Person und ihrer Identität zu gewinnen vermag, in welcher die jeweiligen (bzw. die sich gegenseitig vorgeworfenen) Defizite aufgehoben werden könnten. Es sollten also die (methodischen und inhaltlichen) Grenzen der beiden Wissenschaftsbereiche und die Punkte aufgezeigt werden, an denen die jeweils andere im Interesse eines den Erkenntnisfortschritt befruchtenden Miteinanders einsetzen könnte. Dabei kann es nicht darum gehen, die „Führungsposition“ oder Überlegenheit der einen über die andere Betrachtungsweise zu behaupten oder nachzuweisen, sondern Möglichkeiten und Wege einer Synthese sollen skizziert und – soweit von Seiten der Philosophie möglich – auch beschritten werden. Damit verbunden sind also auf der einen  Seite eine methoden- und ideen-, ggf. auch ideologiegeschichtliche Herangehensweise, auf der anderen eine normative, welche für den interdisziplinären Ansatz plädiert. Als Resultat kann ein Begriff der personalen Identität der Person und ihres Bewusstseins erwartet werden (oder zumindest eine Skizze dazu, wie aktuelle und zukünftige Forschungsergebnisse in ein übergreifendes Bild eingefügt werden könnten), der die verschiedenen Blickwinkel gleichberechtigt berücksichtigt und erst so zu einem umfassenden Verständnis des Gegenstandes „Mensch“ beitragen kann.

Diese Betrachtungsweise bzw. das zu erwartende Verständnis der Person haben aber auch noch in einer anderen Hinsicht das Potential, philosophische Fragestellungen zu beantworten:

Dieser Meinung steht hier als Arbeitshypothese die (durchaus nicht neue) Haltung gegenüber, dass der Mensch (nicht nur sprachphilosophisch) ein von Grund auf soziales Wesen ist, dessen Wesenskern im Grunde von altruistischen und empathischen Zügen geprägt und das auf Kooperation noch vor aller „vertraglichen Regelung“ angewiesen und ausgerichtet ist.

Damit soll nicht verneint werden, dass der Mensch immer auch persönliche Eigeninteressen vertritt (allen voran das des persönlichen Überlebens). Dies macht ihn aber nicht zu einem bloss schlechten Tier und schon gar nicht zu einem grundsätzlich rücksichtslosen Egoisten. Die Reduktion des Menschen auf seine blosse Rationalität, welche die eigene, egoistische Natur überwinden hilft und moralische Grundsätze ausbildet, wird dem Menschen nicht gerecht. Ist es nicht im Gegenteil erst die Rationalität, die den Menschen dazu bringt, den Eigennutz in den Vordergrund zu stellen und damit seiner eigenen sozialen und empathischen Natur zuwider zu handeln – bis auf die Gefahr der Zerstörung der Gesellschaft als seiner notwendigen Lebensumgebung. Dies stünde im Widerspruch zu Kants These, dass die Fähigkeit zur richtigen Entscheidung in der Vernunft ihren Ursprung hat, während im Wollen, das von Begierden und Wünschen geleitet ist, das Übel begründet ist.

Dass die am Eigennutz orientierte Einstellung nicht zum Erfolg führen kann, lässt sich an den wirtschaftlichen Katastrophen ablesen, die sich in jüngster Zeit trotz vielfältiger Theorien und öffentlicher Diskussionen über Moral und Gerechtigkeit häuften und die zu einem zunehmenden Auseinanderklaffen der Schere zwischen arm und reich nicht nur in den westlichen Ländern, sondern vor allem weltweit führten: Dies wird offensichtlich als so unbefriedigend empfunden, dass entsprechende Diskussionen über die „Gier“ bspw. der Banker oder Aktionäre und die Probleme einer gerechten Verteilung von Ressourcen tagtäglich in den Medien geführt werden, ohne dass dabei abzusehen wäre, wie zu befriedigenden Lösungen zu kommen sei. Dass der zur Gier gesteigerte Egoismus sozial zerstörerische Konsequenzen hat, lässt sich historisch und systematisch nicht nur im Hinblick auf die aktuelle Lage belegen – ansonsten wäre dies als tagesaktuelles Problem vielleicht nicht einmal eine philosophisch interessante Fragestellung –, sondern dafür sprechen auch neurobiologische, psychologische und verhaltenswissenschaftliche Studien.

Es sollte also das Ziel eines Forschungsprojekts sein, von einer philosophischen Perspektive ausgehend Wege zum besseren Verständnis der wesentlichen Grundzüge des Menschen als einer Einheit aus biologischem, psychologischem und sozialen Wesen aufzuzeigen, für welche die philosophische Tradition mehr Ansätze und Reflexionen über diese bereit hält, als irgend eine andere Wissenschaft.

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[1] Goethe (Faust I)

[2] Arendt (2012), S. 81

[3] Die konsequente Weiterverfolgung dieser (eher wohl: vulgär-) materialistischen Sicht hätte Auswirkungen auf diverse Bereiche unseres alltäglichen Lebens, allen voran auf das Strafrecht, da Begriffe wie Schuld und Verantwortung neu definiert werden müssten, was die Angemessenheit von Strafe überhaupt in Frage stellen würde.

 


2 Gedanken zu “Das Kranken der Welt

  1. Liebe Sandra, ich bewundere deine „punktgenauen“ Gedanken und Formulierungen. Mit ähnlichen Gedanken, damals mehr ahnend als wissend, wurde ich in meinen Jugendjahren im stockkatolischen Rapperswil bei solchen Äusserungen, manchmal auch puren Trotzbehauptungen, fast gesteinigt. Darum blieb ich ein „Spinner“ und Aussenseter, bis heute, aber immer mehr Ahnungen oder Gefühle werden wahr, manchmal auch leider… Kurt

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    1. Der Mensch mag keine Äusserungen, die seine Grundfesten erschüttern. Er müsste sonst die eigenen Abgründe ansehen und das könnte unbequem sein.

      Ich bin lieber Aussenseiter und Selberdenker, als dass ich meine Meinung und mein Denken lediglich anpasse an das, was grad gern gehört wird. Da halte ich es ganz mit Kant 😉 Liebe Grüsse zu dir, Kurt

      Gefällt 1 Person

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