Vom Denken

Ich sitze hier und denke. Ich tue das relativ oft. Oft höre ich auch, ich dächte zu viel. Wenn ich weniger nachdenken würde, so heisst es, ginge alles leichter. Ab und an glaube ich das sogar. Doch dann rebelliert alles in mir. Sind nicht die grössten Gräueltaten aus Unbedachtheit geschehen? Laufen wir nicht oft in die Falle, wenn wir einfach mal tun, weil uns danach ist, ohne genauer drüber nachzudenken, wieso wir es tun, was es bewirken könnte, was wir damit überhaupt beabsichtigen? Und oft tun wir dann was, von dem wir denken, es sei gut gemeint, stehen dann aber an, weil es nicht gut ankam. Und dann stehen wir da und sagen, wir hätten es nur gut gemeint und sagen uns im Geiste selber, dass „gut gemeint“ der Bruder von „scheisse gemacht“ ist.

Über all die Dinge denke ich nach. Ich sage nicht, dass ich durch all das Denken nie eine falsche Tat mache, aber: Gut sein wollen ist nicht gleichzusetzen mit Gutes tun. Wenn dir wer sagt, er hätte das nicht gewollt, was nun schief lief, das hilft schlicht nicht. Er hat getan und das traf. Was er wollte kam nie an, das ist irgendwo in ihm drin. Treffen tut immer die Tat. Deswegen wäre es sinnvoll, sich zu hinterfragen. Bevor man tut. Selbst wenn man will. Denn: Das Tun trifft, das Denken dreht im eigenen Universum.

Das eigene Universum ist immer beschränkt. Es ist die eigene Sicht vom eigenen Standpunkt aus. Ohne Diskurs, ohne Aussensicht, dreht man im Kreis. Die Aussensicht kann durch Bücher passieren, noch besser kommt sie durch Gespräche. Das Denken selber ist eine einsame Tätigkeit, das Futter kriegt sie immer von aussen. SIe nagt dann dran, verinnerlicht, gleicht ab, negiert. Ohne das Aussen würde das Denken absterben. In sich versinken. Keine Spirale, die weiterführt, ein Kreis, der sich dreht.

Wir wissen wenig – Sokrates sagte gar, wir wüssten nichts. Er zumal. Und wenn er schon, wer dann? Ich sitze hier und denke. Ich weiss wenig. Ich lese viel und bei all dem Lesen fällt mir immer mehr auf, wie wenig ich weiss. Und ich weiss, dass ich nichts wissen kann, weil Wissen immer eine Zeit- und Raumfrage ist. Wissen wird durch neues Wissen abgelöst. Das negiert das Wissen nicht und schon gar nicht dessen Bedeutung, denn: Im Moment des (geglaubten) Wissens ist es wichtig und alles, was man hat. Die Kunst liegt darin, es für den Moment als wichtig zu erkennen, die Offenheit zu bewahren, dass es ändern könnte – und den möglichen Änderungen gegenüber offen zu bleiben.

Und so sitze ich hier. Und denke. Ich weiss nun, dass ich viel wollen kann, aber nur zählt, was ich tue. Insofern müsste ich bedenken, ob dieses Tun wirklich dazu führt, was ich will.


6 Gedanken zu “Vom Denken

  1. Liebe Sandra
    Dein Denken zeichnet dich aus! Genau dies macht dich zu einem wirklichen Individium. Was ich spannend finde, ist: deine Beschreibung dessen, woher die Antriebe kommen. Ich denke, Sokrates hätte Freude daran. Denn Fragen führen zu mehr Denken. Dies fehlt in unserer Welt irgendwie. Alle sind getrieben und denken zu wenig. Und sie sind nicht offen für neue Fragen.
    Liebe Grüsse zu dir

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