Hannah Arendt, Joachim Fest: Eichmann war von empörender Dummheit

Aber diese Dummheit hat etwas Empörendes. […] Da war keine Tiefe – das ist nicht dämonisch! Das ist einfach der Unwille, sich je vorzustellen, was eigentlich mit dem anderen ist […]

Diese Dummheit, die weder grausam noch dämonisch war, sondern einfach die Gedankenlosigkeit eines Funktionärs innerhalb eines bürokratischen Systems  ausdrückt bezeichnete Hannah Arendt in ihrem Buch Eichmann in Jerusalem als „Banalität des Bösen“. Mit diesem Begriff (unter anderem) löste sie eine der grössten Kontroversen des letzten Jahrhunderts aus.

Das vorliegende Buch enthält ein Gespräch mit Joachim Fest, welcher zur selben Zeit wie Hannah Arendt Eichmann in Jerusalem sein Werk Das Gesicht des Dritten Reiches veröffentlicht hatte, welches zu einem ähnlichen Schluss kam wie Arendt, nämlich dass man mit dem Problem konfrontiert sei,

wie „so viel Unvermögen, so viel Durchschnittlichkeit und charakterliche Nichtigkeit“ mit den ungeheuren Verbrechen , die hiervon ausgingen, in einen begrifflichen Zusammenhang zu bringen sind.

Das Gespräch behandelt Themen wie die Definition eines neuen Verbrechertypus, welcher eben keine kriminelle Energie  hat, sondern aus (oft blindem ) Gehorsam handelt, es handelt von der Frage nach Verantwortung und Schuld in einem totalitären System, von Gerechtigkeit nach einem historischen Unrecht solchen Ausmasses, sowie von gut und böse als moralischen Urteilen.

Neben dem Gespräch findet man den das Gespräch vorbereitenden Briefaustausch zwischen Arendt und Fest sowie sporadische spätere Briefe, welche eher auf eine intellektuelle Verbindung denn auf eine Freundschaft hinweisen, allerdings von gegenseitigem Respekt zeugen.

Anschliessend folgen vier Dokumente aus der Kontroverse um Hannah Arendt und Eichmann in Jerusalem, welche während des Austauschs zwischen Arendt und Fest erwähnt worden sind. Die Stellungnahme des Council of Jews from Germany tut sein Unverständnis kund über die „unverantwortbaren Schlussfolgerungen“, die Hannah Arendt aus „unfundiertenn Feststellungen“ zog, Golo Manns sarkastischer Text voller plakativer Herabwürdigungen gibt ihr immerhin in Bezug auf das Portrait Eichmanns recht und Mary McCarthy verteidigt das Buch so sachlich, wenn auch offensichtlich wohlgesonnen. Den Abschluss macht Reinhard Baumgard mit einem Nachwort zu Hannah Arendts Eichmann-Buch: Mit Mördern leben?

Die Zusammenführung der Texte ist aufschlussreich und sinnvoll, die Einleitung zeigt durch Vorwegnahme und Zusammenfassung einiger zentraler Argumente die Grundaussagen des Austauschs und hilft damit beim Verständnis des Kommenden. Die abschliessenden Dokumente aus der Kontroverse verdeutlichen die Unsachlichkeit der Angriffe gegen Hannah Arendt und ihr Buch.

Fazit:

Die spannende Analyse eines Jahrhundertverbrechers und des Systems, das ihn zustande brachte. Sehr empfehlenswert.

Zu den Autoren:

Hannah Arendt
(eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.
Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

Joachim Fest
Geboren am 8. Dezember 1926 in Berlin Karlshorst als Sohn einer bildungsbürgerlichen Familie. Jura-Studium ohne Absicht, Jurist zu werden, daneben Geschichte, Soziologie, Germanistik und Kunstgeschichte. Fest brach seine Promotionsarbeit zugunsten einer Festanstellung bei RIAS Berlin ab und blieb danach im journalistischen Bereich tätig. Veröffentlichte einige Bücher, die sich hauptsächlich mit der Zeit des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit befassten(Das Gesicht des Dritten Reiches, Speer. Eine Biographie, Der Untergang. Hitler und das Ende des Dritten Reiches, Hitler). Joachim Fest starb am 11. September 2006 in Kronberg im Taunus.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 207 Seiten
Verlag: Piper Verlag (2. Auflage 2011)
Preis: EUR 16.95; CHF 27.90


Ein Gedanke zu “Hannah Arendt, Joachim Fest: Eichmann war von empörender Dummheit

  1. Tut mir leid, aber ich halte Fest für einen der grössten „Nach-Nazi-Gedankenverbrecher“ weil Verharmloser des deutschen „Nationalsozialismus“. Ich habe ihn mehrfach in West-TV-Talkshows mit Mühe und Not ertragen, wo er seine Sicht verbreiten durfte (und auch noch dafür gefeiert wurde), dass ja selbst die schlimmsten Nazis (allen voran sein „Busenfreund“ Speer) ja eigentlich auch nur arme kleine Würstchen waren. Vermutlich hat er bedauert, dass sie keine Charaktere wie die Bösewichte bei Shakespeare oder so waren und ihm selbst geistig unterlegen. Aber im Grunde war er nur etwas schlauer als Guido Knopp und andere Faschismus-Verwurster, aber eben darum eigentlich auch schlimmer. Niemals hab ich von ihm was darüber gehört, was man in der DDR-Schule fast jeden Tag hören konnte: Dass es nicht nur massenhaften Widerstand gab (nicht erst am 20. Juli und nicht nur von wohlbehüteten, mutigen Teenagern) und dass das ganze „böse“ System, indem Leute wie Speer dann scheinbar „bewusstlos“ (also auch nicht wirklich schuldfähig…?) agierten, vor allem eben aus ganz konkreten Leuten und den von ihnen geleiteten Konzernen mit ganz konkreten materiellen Interessen im Hintergrund bestand. Und Speer war da nicht zufällig und wegen dienstbeflissener Trotteligkeit zum „Wehrwirtschaftsführer“ aufgestiegen! Und dieselben Leute haben nach ’45 genauso weiter gemacht und alle, die nicht total politisch „verbrannt“ waren (wie Globke im Gegensatz zu Speer z.B.) wieder in führende Positionen gebracht. Das war nicht nur möglich, weil die USA die alten Nazis plötzlich alle neue Kameraden im Kampf gegen das Böse© im Osten entdeckten und (wie schon zuvor auf den Philippinen oder in Mexico) bereit waren, beliebige menschliche Opfer z.B. für einen Atomkrieg in Kauf zu nehmen, sondern selbst ein Churchill hat ja gesagt, man habe (mit Hilter anstelle von Stalin) „das falsche Schwein geschlachtet“. In diesem ideologischen, menschenverachtenden Mief war der „Intellektülle“ Fest genauso ein willfähriges Rädchen wie ein paar Jahre früher ein Eichmann oder Speer. *Würg* Ich reg‘ mich schon wieder zu sehr auf, sorry … mein Blutdruck!!

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