Worauf gründen unsere Urteile?

Bewegt man sich in sozialen Medien, wird man immer wieder mit Filmen konfrontiert. Diese zeigen sehr plakativ Situationen, die darstellen sollen, wie die Welt nicht zu sein hätte, aber sei. Es wird ein Aufschrei provoziert aufgrund offenkundiger Missststände. Egal ob es um Kindererziehung, Tierhaltung, Fleischkonsum, Konsum generell oder das menschliche Miteinander geht – für alles gibt es einen passenden Film.

Kürzlich wurde ich Zeuge eines dieser Filme. In einer gestellten Situation wurde die Hilfsbereitschaft der Menschen getestet. Einmal sackte ein heruntergekommener, in zerrissenen Kleidern, zerzausten Haaren, aschfahler Haut dahintorkelnder Mann zusammen, einmal ein in einen teuren Anzug gekleideter, mit Aktenkoffer und netter Frisur bestückter ebensolcher. Im ersten Fall schauten zwar einige hin, kaum einer half, im zweiten eilten fast alle dahin. Die Kommentare waren eindeutig: Wie kann man nur. Alle urteilen nur aufgrund von Äusserlichkeiten. Das Fazit war fast eindeutig: Die Menschheit ist eine Horde hochgradiger Egoisten, die sich auf Vorurteile einschiesst und Menschlichkeit aussen vor lässt. Oberflächlichkeit statt Tiefgründigkeit sei am Ruder – so die Meinung. Ist das so?

Urteile aufgrund von Äusserlichkeiten mögen nicht immer fair sein, dienen aber ab und an auch dem Überleben – die Evolution hat’s gebracht. Es geht nicht mal so sehr um Tattoos, Kleidung und dergleichen, es geht vor allem um das Gesamtbild aus Optik und Verhalten. Ein alkoholisierter, doppelt so grosser und schwerer Mann kann für eine Frau durchaus gefährlich werden. Würde sich also eine Frau einem solchen so nähern und würde dann tätlich angegangen, würde ihr a) kaum einer helfen (auch dazu gab es solche Filmchen) und b) nachher jeder fragen, wie sie so leichtsinnig sein konnte. Hier wurde eine Situation gestellt, um den Aufschrei förmlich zu provozieren.

Diese Filme sind weit ab davon, ethisches Verhalten zu fördern oder unethisches aufzuzeigen. Sie sind plakativ und nur darauf aus, ihrerseits zu verurteilen und das aufgrund wenig aussagekräftiger Settings und mit sehr populärwissenschaftlichen Methoden.

Das ist das Eine. Das Andere ist, dass man mit Kleidung durchaus auch was ausdrückt. Jede Kleidung entspricht auch einer Stimmung und einer Haltung. Mit jeder Kleidung zeigt man ein bisschen, wie man sich in der Gesellschaft situiert oder aber eben sich aus ihr herausnimmt. Ich kenne Randständige, die immer sehr gepflegt daher kommen, in meiner Geburtsstadt hatten wir ein Original, Millionär, der zerrissen, verlaust, zerzaust durch die Stadt lief. Ein wenig verstehe ich da das Argument schon, dass man sich nicht auf eine Weise situieren kann, sich dann aber wundert, wenn man in genau die Ecke auch gestellt wird.

Ich hatte immer einen Draht zu eher randständigen Menschen, habe eine Zeit lang hier täglich mit obdachlosen Alkoholikern geplaudert und die Hunde spielen lassen. Ich verurteile niemanden für sein Leben oder sein Schicksal, verstehe aber, dass gewisse Vorbehalte bestehen können in gewissen Situationen. Und genau darauf bauen diese Filme und schlachten das plakativ aus. Die Zuschauer springen dann wie dressierte Affen drauf an und sind geschockt. Und das meine ich nicht abwertend, das ist ein in uns angelegtes Gewissen, ein Gefühl dafür, was richtig wäre (rein ideell, ohne realen Bezug, in einer cleanen Welt, wie sie eine solche Versuchssituation auch ist). Der einzige Vorwurf gebührt in meinen Augen den Machern dieser Filme.


2 Gedanken zu “Worauf gründen unsere Urteile?

  1. Sehe ich genauso. Das hier ist sehr populärwissenschaftlich, um nicht zu sagen dilettantisch. Der Mensch wird reduziert auf einen Parameter – der hinfallende genauso wie die vorbeieilenden. Die „Aussage“ wird plakativ.

    Das Problem gibt es aber auch in der „seriösen“ Wissenschaft. Was in der Naturwissenschaft funktioniert – ein oder zwei Parameter isolieren – geht in der Psychologie oder Soziologie sehr oft daneben. Seriöse Wissenschaftler versuchen dann, andere Parameter, die auch beteiligt sein könnten, herauszumitteln. Da wird’s dann schon aussagekräftiger. Man kommt aber nie drum herum, solcher „Ergebnisse“ zu interpretieren.

    Das Grundproblem lässt sich nämlich gar nicht umgehen: Ein (auch natur-)wissenschaftliches Experiment ist immer eine künstliche Situation. Die „Natur“ ist ein komplexes Ganzes, das Experiment isoliert etwas aus diesem Ganzen. Es wird also immer etwas gemessen, das so in der Natur gar nicht vorkommt. Dort ist nämlich nichts isoliert, sondern alles hängt zusammen. Und der Gesamtzusammenhang ist dann am Ende wieder mitzubedenken. Was dann nichts mit Fakten zu tun hat, sondern mit Interpretation.

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